Selbsterkenntnis: „Ich bin ein Sarkophag“ (Woche 5)

Fußgängerzone in Rottweil

Fußgängerzone in Rottweil

Vom Haussegen bis zum Sarkophag: In meiner fünften Woche als Rottweilerin auf Zeit besichtige ich das Stadtmuseum, wohne der Entdeckung eines Models bei und erfahre, dass auch Die Toten Hosen um Rottweil nicht herumgekommen sind. Außerdem lerne ich wieder einmal neue nützliche Wörter (oder so).

Momente der Woche

  • Am Dienstag besichtige ich eine Sammlung sprichwörtlicher Haussegen im Stadtmuseum Rottweil. Es sind welche vom alten Schlag: Fromme Bilder und Inschriften auf Papier, die gefaltet in einem Behältnis verstaut und im Haus angebracht wurden, etwa im Firstbalken. Sie sehen abgenutzt und brüchig aus – kein Vergleich zu den robusten gestickten Haussegen späterer Jahrhunderte.
  • Im Speisesaal des Konvikts stellt der Pfarrer des Hauses fest, dass er soeben versehentlich eine Tofu- statt einer
    Eingang des Stadtmuseums in Rottweil

    Sinnigerweise von einem Rottweiler bewacht: das Stadtmuseum in Rottweil

    Fleisch-Wurst gegessen hat. Er trinkt Wasser in großen Schlücken hinterher und wirkt angewidert. Er sagt: „Ich bin ein Sarkophag.“ Er meint es im Wortsinn.

  • Besuch bei der Schreibwerkstatt am Donnerstag. Für die Website des Konvikts werden die Schüler beim Schreiben fotografiert. Dabei zeigen sich die Qualitäten eines Schülers als Handmodel: Er hat die beste Schreibhaltung von allen und zudem sehr schöne Armbänder, findet der Fotograf. (Allerdings nicht die schönste Handschrift, deshalb leiht ihm eine Mitschülerin ihr beschriebenes Blatt.)
  • Freitag vor Heimfahrwochenende: 23 Minuten nach dem Gong zum Anfang des Mittagessens sitze ich allein im Speisesaal des Konvikts und esse meine Portion Schupfnudeln. Alle anderen haben in der gleichen Zeit schon aufgegessen (und zwar: Salat, Suppe, Hauptgang), Teller abgeräumt, Tische geputzt, zwei Gebete mitgebetet und zwei Ansagen gehört (bitte Mülleimer leeren, Heizung herunterdrehen usw.).

Fakten der Woche

  • Rottweils Kernstadt teilt sich in vier Viertel im wörtlichen Sinn: Heiligkreuz-Ort, Sprenger-Ort, Johannser-Ort und Juden-Ort. Bezeichnenderweise wird letztgenannter Ort konsequent „vergessen“, als man mir die ersten beiden Male von den Vierteln erzählt. Erst im Stadtmuseum erfahre ich den Namen. Auch in Rottweil wurde die jüdische Gemeinde in den 1930er- und 1940er-Jahren ausgelöscht. 1940 wurde sie offiziell „aufgehoben“, nachdem die meisten Mitglieder zuvor geflohen waren oder deportiert wurden.
  • Rottweil in der Populärkultur (ich hätte nicht gedacht, dass es da viel zu sagen gibt): Wie ich endlich erfahre (und somit eine Bildungslücke schließe), besangen Die Toten Hosen bereits 2002 „Das Mädchen aus Rottweil“. Seitdem ranken sich
    Gedruckter Text mit Notizen

    Arbeit an einem Text über erste Rottweil-Eindrücke

    Artikel und Anekdoten um die Besungene – sowie die Spekulation, sie komme eventuell doch aus Balingen.

  • Das Gerücht stimmt: Auch Stadtschreiberinnen arbeiten ab und an an ihren Texten, zum Beispiel an einem Text über erste Eindrücke in Rottweil (den möchte ich am kommenden Donnerstag im Schwarzen Lamm vorlesen).

Vokabeln und Zitat der Woche

  • Totenbaum
  • Pietcong“ für Pietisten im nördlichen Schwarzwald
  • Der Satz eines Schülers bringt auf den Punkt, was sich seit meiner Schulzeit geändert hat: „Die Vertretungsplan-App spackt.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.