Einleben: Literatur als Kuckucksei (Woche 2)

JVA Rottweil

Justizvollzugsanstalt Rottweil

Diebesgut, Möchtegern-Prügelei, Amtsübergabe und Liebeserklärung: Da soll mal einer sagen, in Rottweil sei nichts los. Meine zweite Woche ist gut gefüllt mit neuen Eindrücken. Seit Dienstag bin ich ganz offiziell Stadtschreiberin und träume davon, wieder zur Schule zu gehen – oder wenigstens in die Justizvollzugsanstalt.

Fakten der Woche

  • Die Rottweiler Bürger entscheiden sich mehrheitlich dafür, dass eine JVA für 400 Häftlinge auf ihrem Gemeindegebiet entstehen soll. Die aktuelle JVA ist auf vier Standorte verteilt, deren Gebäude zwischen 1847 und 1909 erbaut wurden. Heute sind sie nicht mehr funktionsgerecht und zudem überfüllt. Die JVA räumt offen ein, dass sie „zeitgemäße Vollzugszwecke“ kaum erfüllen kann.
  • Im Bischöflichen Konvikt trägt eine Mitarbeiterin tatsächlich den Namen „Hölle“.
  • Seit ich mit den Schülern im Konvikt wohne, träume ich davon, wieder zur Schule zu gehen. In einem Traum lernen wir im Sportunterricht boxen. Wir Schüler haben uns das so gewünscht und bauen den Ring auf. Er besteht aus einer riesigen aufblasbaren Matte. Der Sportlehrer ist ein ehemaliger Mitschüler. Er trägt jetzt einen anderen Namen und hat den gleichen blassen Teint wie früher.

Momente der Woche

  • Am Sonntag fahren Männer gruppenweise mit dem Zug nach Stuttgart zum Fußball. Sie tragen Sportschuhe, selbst wenn sie nur zuschauen werden.
  • Am Montagnachmittag scheint die Sonne. In der Rottweiler Fußgängerzone singt ein Straßenmusiker inbrünstig zu Gitarrenakkorden. Niemand bleibt stehen oder wirft Geld in seinen Hut. Ob der Mann Einnahmen erzielt, ist nicht bekannt.
  • Seit Dienstag bin ich ganz offiziell die 15. Stadtschreiberin in Rottweil. Mein Vorgänger Johann Reißer übergibt mir das Amt mit dem Hinweis, als Stadtschreiber sei man „ein geladener Dieb, der etwas aus der Stadt mitnehmen soll, um ein Kuckucksei dafür zu hinterlassen“. Zum Zeichen dafür schenkt er mir „Diebesgut“ aus seiner Rottweiler Zeit: eine Glaskette, die er von einem Kronleuchter in der Duttenhofer-Villa mitgenommen hat.
  • Hand hält Zettel „Big Brother is watching you.“

    Autoren unter Beobachtung: „Big Brother is watching you!“

    Im Speisesaal des Konvikts um 7:30 Uhr: „Du siehst aus wie jemand, der Botox gespritzt hat“, begrüßt ein Schüler den anderen, der am Vorabend beim Joggen gestürzt ist.

  • Zwischen Mitternacht und eins steht ein betrunkener Unbekannter in der Rottweiler Fußgängerzone vor einem meiner beiden Begleiter, atmet ihm aus wenigen Milimetern Entfernung seine Fahne ins Gesicht und wiederholt immer wieder die Sätze: „Sag, wo arbeite ich?“ und „Schlag mich doch. Ich warte nur drauf.“ Das geht ein paar Minuten so. Als wir die Polizei rufen, torkelt er davon. Die Beamten kennen ihn bereits.
  • Bei der Eröffnung des Deutsch-Schweizer Autorentreffens am Freitag findet Jürg Halter einen Zettel in einer Schublade des Konferenztischs im Ratssaal. Auf dem Zettel steht „Big Brother is watching you!“ Wenig später findet der Zettel Eingang in die Schweizer Literatur.

Zitat der Woche (Verleser der Woche)

  • „Rainer ich liebe Dich bis zu den Brocken* und wieder zurück.“ *Bienen? Bremen? Sternen!

    Graffito mit Liebeserklärung

    Nur noch bedingt lesbar: Liebeserklärung an einen Rottweiler(?) namens Rainer

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